Was passiert in einer Sitzung Neurofeedback?
In einer Sitzung übt Ihr Kind, ein bestimmtes Signal seiner Hirnaktivität zu verändern, und sieht auf einem Bildschirm sofort, ob es gelingt. Das Signal stammt aus dem EEG, der Elektroenzephalografie. Dabei messen Elektroden auf der Kopfhaut die elektrische Aktivität des Gehirns. Sie messen nur und geben keinen Strom ab. Die Rückmeldung auf dem Bildschirm heißt Feedback, und davon hat das Verfahren seinen Namen.
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden beschreibt es so: Fünf Sensoren am Kopf übertragen die Signale an einen Computer. Das Kind steuert damit zum Beispiel ein Auto auf dem Bildschirm oder deckt Puzzleteile auf, allein durch die Art, wie es seine Aufmerksamkeit einsetzt. Mit dem Therapeuten erarbeitet es außerdem Strategien, die es auch beim Lesen und bei den Hausaufgaben übt.
Wie eine Sitzung aufgebaut sein kann, zeigt die deutsche Studie von 2017 mit 150 Kindern zwischen 7 und 9 Jahren. Eine Sitzung bestand aus vier Blöcken mit je 40 Durchgängen. Ein Durchgang dauerte 10 Sekunden: 2 Sekunden Ausgangsmessung, dann 8 Sekunden mit Rückmeldung. Nach einem gelungenen Durchgang erschien eine Sonne als Belohnung. Zusammen sind das 160 Durchgänge oder knapp 27 Minuten reines Training, ohne die Zeit zum Anlegen der Elektroden und für Pausen.
- Die Elektroden werden an den Stellen angelegt, die das Trainingsprogramm vorgibt.
- In Übungsblöcken mit laufender Rückmeldung verschiebt Ihr Kind das Signal in eine vorgegebene Richtung.
- Ein Übertragungsblock läuft ohne laufende Rückmeldung. Ihr Kind erzeugt die Veränderung aus eigener Kraft und erfährt erst am Ende, ob es gelungen ist.
- Für gelungene Durchgänge gibt es eine Belohnung, in der Studie eine Sonne auf dem Bildschirm und Punkte zum Sammeln.
- Im Gespräch geht es um Strategien für Schule und Alltag. Eltern werden in einem Teil der Sitzungen einbezogen.
Welche Neurofeedback-Programme gelten als Standard?
Die ADHS-Leitlinie lässt drei gut untersuchte Trainingsprogramme zu. Das Programm legt fest, welches Hirnsignal an welcher Stelle des Kopfes gemessen und zurückgemeldet wird und in welche Richtung Ihr Kind es verändern soll. Es entscheidet damit über die Lage der Elektroden und über die Aufgabe am Bildschirm.
Zwei Programme arbeiten mit Frequenzbändern, also mit Hirnwellen, die unterschiedlich schnell schwingen. Langsame Theta-Wellen von etwa 4 bis 7 Hertz treten nach einem Fachvortrag im Zentralen ADHS-Netz beim Übergang in den Schlaf auf. Schnellere Beta-Wellen von 13 bis 30 Hertz gehören zum wachen, konzentrierten Zustand. Das dritte Programm trainiert langsame kortikale Potentiale. Das sind sehr langsame Verschiebungen des EEG nahe 0 Hertz, die das Gehirn über mehrere Sekunden auf eine Aufgabe vorbereiten.
| Programm | Was trainiert wird | Wo gemessen wird | Beispiel aus einer Studie |
|---|---|---|---|
| Theta-Beta-Training | das Verhältnis von langsamen Theta- zu schnelleren Beta-Wellen, meist mit dem Ziel, es zu senken | fronto-zentrale Region, also über der Stirn und dem Scheitel | US-Studie 2021: 144 Kinder mit einem Theta-Beta-Verhältnis von mindestens 4,5, 38 Sitzungen |
| SMR-Training | den Sensomotorischen Rhythmus, eine Frequenz über dem Bewegungszentrum des Gehirns | über dem motorischen Kortex | in beiden genannten Studien nicht verwendet |
| SCP-Training | langsame kortikale Potentiale: Das Kind erzeugt für einige Sekunden eine Verschiebung in die negative oder positive Richtung | Scheitelregion | Deutsche Studie 2017: 150 Kinder, 25 Sitzungen. Ab Sitzung 13 stieg der Anteil der Aufgaben in negativer Richtung von 50 auf 80 Prozent |
Wie viele Sitzungen umfasst ein Neurofeedback-Training?
Ein Neurofeedback-Training umfasst nach der ADHS-Leitlinie mindestens 25 bis 30 Sitzungen, in der großen deutschen Studie dauerte es drei Monate. Die Leitlinie verlangt zusätzlich, dass Kind, Eltern und Praxis regelmäßig gemeinsam prüfen, ob Hinweise auf eine beginnende Wirkung die Fortsetzung rechtfertigen.
Die Leitlinie nennt mindestens 25 bis 30 Sitzungen und macht keine Vorgabe zur Häufigkeit. Die deutsche Studie von 2017 trainierte 25 Sitzungen in drei Monaten, zwei bis drei pro Woche, mit einer Pause von vier bis sechs Wochen nach Sitzung 12. Die US-Studie von 2021 nutzte 38 Sitzungen. Die Uniklinik Dresden beginnt mit 16 Sitzungen, zwei pro Woche über acht Wochen.
| Quelle | Sitzungen | Wie oft | Wie lange |
|---|---|---|---|
| ADHS-Leitlinie | mindestens 25 bis 30 | keine Vorgabe | keine Vorgabe, regelmäßige gemeinsame Prüfung |
| Deutsche Studie 2017 | 25 | zwei bis drei pro Woche | drei Monate, mit einer Pause von vier bis sechs Wochen nach Sitzung 12 |
| US-Studie 2021 | 38 | nicht angegeben | Nachuntersuchung nach 13 Monaten |
| Uniklinik Dresden, Kinder- und Jugendpsychiatrie | zu Beginn 16 | zwei pro Woche | acht Wochen, danach je nach Verlauf mit längeren Abständen |
Diagnose und Behandlungsplan
Eine Kinder- und Jugendpsychiatrie, eine neuropädiatrische oder psychotherapeutische Praxis stellt die Diagnose und legt fest, welche Rolle Neurofeedback im Plan hat. Das geschieht vor der ersten Sitzung.
Erste Trainingsphase, Sitzungen 1 bis 12
Ihr Kind übt, das Signal mit Rückmeldung zu verändern. Übungsdurchgänge ohne Rückmeldung gehören zu jeder Sitzung. Mit zwei bis drei Sitzungen pro Woche dauert die Phase etwa vier bis sechs Wochen.
Übungspause
Es gibt keine Sitzungen. Ihr Kind übt zu Hause mit kleinen Merkkarten, die den Bildschirm zeigen. Die Pause dauert vier bis sechs Wochen.
Zweite Trainingsphase, Sitzungen 13 bis 25
Das Training läuft wie zuvor, wieder mit zwei bis drei Sitzungen pro Woche. Nach den letzten zehn Sitzungen erledigt Ihr Kind einen Teil der Hausaufgaben in der Praxis, unter Aufsicht und mit Merkkarte.
Gemeinsame Prüfung
Kind, Eltern und Praxis prüfen, ob Hinweise auf eine beginnende Wirkung die Fortsetzung bis 30 Sitzungen oder darüber hinaus rechtfertigen, und berichten der Fachpraxis. Das geschieht regelmäßig während des Trainings und an seinem Ende.
Wie überträgt Ihr Kind das Gelernte in den Alltag?
Für die Übertragung in den Alltag, auch Transfer genannt, verlangt die Leitlinie gezielte Übungen. Ihr Kind soll den Zustand, den es am Bildschirm mit Rückmeldung übt, später auch ohne Bildschirm herstellen können. Die Leitlinie schreibt deshalb Grundsätze des Lernens und Übungen zur Übertragung als festen Teil des Trainings vor.
In der deutschen Studie sah die Übertragung so aus. In jeder Sitzung lief der dritte Block ohne laufende Rückmeldung. In der Pause nach Sitzung 12 übten die Kinder zu Hause mit kleinen Merkkarten, die den Bildschirm während einer Aufgabe zeigten, dazu mit einem Video. Nach jeder der letzten zehn Sitzungen erledigten sie einen Teil ihrer Hausaufgaben in der Praxis unter Aufsicht und mit der Merkkarte.
Die Übertragung ist zugleich die Schwachstelle. In derselben Studie zeigte die Neurofeedback-Gruppe in den Durchgängen ohne Rückmeldung keine statistisch abgesicherte Selbststeuerung, und die Lehrkräfte sahen keinen Unterschied zur Vergleichsgruppe. Die Autoren halten es für möglich, dass mehr Sitzungen und mehr Übungen zur Übertragung nötig sind.
- Lassen Sie sich die Merkkarte oder das Bild zeigen, mit dem Ihr Kind zu Hause übt, und fragen Sie, in welchen Situationen es sie einsetzen soll.
- Nehmen Sie an den Sitzungen teil, zu denen die Praxis Eltern einlädt. Bei diesen Terminen lernen Sie die Strategien Ihres Kindes kennen.
- Planen Sie die Übungen für Momente, in denen Konzentration gefragt ist, zum Beispiel vor den Hausaufgaben oder dem Lesen.
- Sammeln Sie Rückmeldungen aus der Schule. Sie sind für die gemeinsame Prüfung wichtiger als der Eindruck zu Hause.
- Sprechen Sie mit der Lehrkraft, wenn Ihr Kind eine Merkkarte im Unterricht nutzen soll.
Welche Nebenwirkungen Neurofeedback in Studien hatte
In Studien waren unerwünschte Ereignisse bei Neurofeedback meist leicht und in der Vergleichsgruppe ähnlich häufig. In der deutschen Studie von 2017 berichteten 33 Prozent der Kinder mit Neurofeedback und 35 Prozent der Kinder mit Muskel-Feedback über mindestens ein unerwünschtes Ereignis. Einen möglichen Zusammenhang mit dem Training sahen die Studienärzte bei vier Kindern der Neurofeedback-Gruppe, also bei 6 Prozent. Genannt wurden Kopfschmerzen und Hautreaktionen. Beides klang rasch ab.
Schwerwiegende Ereignisse gab es bei je zwei Kindern pro Gruppe. In der Neurofeedback-Gruppe waren das eine Verschlechterung der ADHS und die seelischen Folgen eines Verkehrsunfalls. In der US-Studie von 2021 verteilten sich unerwünschte Ereignisse gleichmäßig auf Neurofeedback und Scheinbehandlung. Ein Fachvortrag im Zentralen ADHS-Netz nennt selten Kopfschmerzen und Müdigkeit und führt sie auf die Trainingssituation zurück, also auf anhaltende Konzentration und Muskelanspannung.
So bereiten Sie den ersten Neurofeedback-Termin vor
Der erste Termin gelingt, wenn Diagnose, Programm, Terminplan und Neurofeedback-Kosten vorher geklärt sind. Die Leitlinie sieht Neurofeedback nur im Rahmen eines Behandlungsplans vor. Deshalb beginnt die Vorbereitung in der Fachpraxis und nicht beim Anbieter des Trainings.
- Diagnose und schriftlichen Behandlungsplan der Fachpraxis mitnehmen und klären, welches Ziel Neurofeedback im Plan hat.
- Beim Anbieter das Programm erfragen: Theta-Beta-Training, SMR-Training oder SCP-Training, und kein QEEG-Programm.
- Den Terminplan festlegen: Zahl der Sitzungen, zwei bis drei Termine pro Woche, eine mögliche Übungspause und die Termine der gemeinsamen Prüfung.
- Einen Kostenplan schriftlich verlangen, mit Preis je Sitzung, Zahl der Sitzungen und Nebenkosten.
- Ihr Kind vorbereiten: Es bekommt Elektroden auf den Kopf, die nur messen, und löst am Bildschirm eine Aufgabe, für die es Belohnungen sammelt.
- Einen Weg für Rückmeldungen aus der Schule vereinbaren, damit die Prüfung auch auf dem Urteil der Lehrkräfte beruht.
Wer Neurofeedback steuerlich absetzen will, klärt vor der ersten Sitzung, ob das Finanzamt ein Gutachten vom Amtsarzt verlangt. Nachträglich lässt es sich nicht mehr beschaffen.
Häufige Fragen
Wie lange dauert eine Sitzung Neurofeedback?
In der deutschen Studie von 2017 dauerte das reine Training in einer Sitzung Neurofeedback knapp 27 Minuten: vier Blöcke mit je 40 Durchgängen von 10 Sekunden. Dazu kommt die Zeit für das Anlegen der Elektroden und für Pausen zwischen den Blöcken. Eine feste Vorgabe für die Dauer einer Sitzung macht die ADHS-Leitlinie nicht.
Wie viele Sitzungen umfasst ein Neurofeedback-Training bei ADHS?
Für Neurofeedback bei ADHS verlangt die Leitlinie mindestens 25 bis 30 Sitzungen, mit der stärksten Empfehlungsstufe. In Studien waren es 25 Sitzungen in drei Monaten (Deutschland 2017) und 38 Sitzungen (USA 2021). Die Leitlinie verlangt außerdem, regelmäßig mit Kind und Eltern zu prüfen, ob Hinweise auf eine beginnende Wirkung die Fortsetzung rechtfertigen.
Was spürt ein Kind beim Neurofeedback?
Beim Neurofeedback spürt ein Kind vor allem die Elektroden auf der Kopfhaut. Sie messen die Hirnaktivität und geben keinen Strom ab. Anstrengend kann die anhaltende Konzentration auf die Aufgabe am Bildschirm sein. In der deutschen Studie von 2017 berichteten vier Kinder der Neurofeedback-Gruppe, also 6 Prozent, über Kopfschmerzen oder Hautreaktionen, die möglicherweise mit dem Training zusammenhingen.
Kann mein Kind während des Neurofeedback-Trainings weiter Medikamente nehmen?
Ein Kind kann während eines Neurofeedback-Trainings weiter Medikamente nehmen, wenn die Fachpraxis nichts anderes festlegt. In der deutschen Studie von 2017 nahmen 43 Prozent der Kinder Medikamente und setzten sie während des Trainings fort. Die ADHS-Leitlinie sieht Neurofeedback als ergänzenden Baustein vor, und über die Medikamente entscheidet die behandelnde Fachpraxis.
Was bedeutet Transfer beim Neurofeedback?
Transfer beim Neurofeedback bedeutet, dass ein Kind den Zustand, den es am Bildschirm mit Rückmeldung übt, auch ohne Bildschirm herstellen soll, etwa vor den Hausaufgaben. Die ADHS-Leitlinie verlangt Transferübungen als festen Teil des Trainings. In der deutschen Studie von 2017 gehörten Durchgänge ohne Rückmeldung, Merkkarten für zu Hause und betreute Hausaufgaben zum Transfer.
