Wer darf Ergotherapie verordnen?
Jede Ärztin und jeder Arzt darf Ergotherapie verordnen, sofern sie oder er gesetzlich Versicherte behandelt. Das Fachgebiet spielt keine Rolle. Ihr Hausarzt kann also nach einem Schlaganfall verordnen, die Kinderärztin bei einer Entwicklungsstörung und der Chirurg nach einer Handoperation.
Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten dürfen bei psychischen Erkrankungen ebenfalls Ergotherapie verordnen, bei manchen Diagnosen nach Rücksprache mit der behandelnden Ärztin. Nach einem Krankenhausaufenthalt darf auch das Krankenhaus ein Rezept ausstellen, aber nur für die ersten sieben Tage danach.
Am häufigsten kommt das Rezept aus der Hausarztpraxis. Laut Heilmittelbericht der AOK für 2024 kamen 26,9 Prozent der Patienten mit Ergotherapie über eine Hausarztpraxis und 26,2 Prozent über eine Kinderarztpraxis.
Was die Arztpraxis vor dem ersten Rezept prüft
Vor dem allerersten Rezept untersucht die Ärztin Sie oder zieht aktuelle Befunde anderer Praxen heran. Bei psychischen Erkrankungen muss außerdem eine Fachpraxis untersucht haben. Bei ADHS ist das die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Neuropädiatrie oder die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, bei Demenz die Psychiatrie, Neurologie oder Neuropsychologie.
Die Diagnose allein entscheidet nicht über ein Rezept. Wichtig ist, was Sie im Alltag nicht mehr können, zum Beispiel Knöpfe schließen, Treppen steigen oder sich konzentrieren. Außerdem prüft die Ärztin, ob Eigenübungen, ein Hilfsmittel oder ein Medikament gleich gut und günstiger helfen. Dann haben diese den Vorrang. Die Prüfung ist Pflicht und keine Ablehnung Ihres Anliegens.
Beschwerden im Alltag beschreiben
Sagen Sie konkret, was nicht mehr geht, zum Beispiel den Haushalt führen. Zuständig: Sie, in der Sprechstunde.
Untersuchung vor dem ersten Rezept
Die Ärztin untersucht Sie oder nutzt aktuelle Befunde. Bei manchen psychischen Erkrankungen braucht es eine Fachpraxis. Zuständig: Arztpraxis, manchmal mit Überweisung.
Rezept ausstellen
Die Ärztin trägt Diagnose, Diagnosegruppe (das Kürzel auf Ihrem Rezept, zum Beispiel EN1), Behandlungsart, Zahl der Termine und Frequenz ein. Zuständig: Arztpraxis.
Rezept noch in der Arztpraxis prüfen
Fehlende Angaben darf die Ergotherapiepraxis nur in engen Grenzen ergänzen. Sonst braucht es eine neue Unterschrift der Ärztin mit Datum. Zuständig: Sie.
Praxis suchen und Termin vereinbaren
Suchen Sie eine Praxis mit Kassenzulassung und nennen Sie das Ausstellungsdatum. Zuständig: Sie.
Behandlung beginnen
Der erste Termin muss innerhalb von 28 Tagen liegen, bei Dringlichkeit innerhalb von 14. Zuständig: Sie und die Praxis.
Wie lange ein Rezept für Ergotherapie gültig ist, hängt vor allem vom Ausstellungsdatum ab. Ab dem Tag danach laufen die 28 Tage bis zum ersten Termin. Pausen von mehr als 14 Tagen brauchen einen dokumentierten Grund.
Was auf dem Rezept für Ergotherapie steht
Zwei Angaben bestimmen Ihren Ablauf besonders. Die Zahl der Termine liegt meist bei 10 je Rezept. Ein Kreuz bei dringlichem Bedarf verkürzt die Frist bis zum ersten Termin von 28 auf 14 Tage. Die Frequenz legt fest, wie oft Sie pro Woche kommen, zum Beispiel 1 bis 2 Mal.
| Angabe | Was dort steht | Warum es für Sie zählt |
|---|---|---|
| Ihre Daten | Name, Geburtsdatum, Krankenkasse, Versichertennummer, Ausstellungsdatum | Mit falschen Kassendaten kann die Praxis nicht abrechnen. |
| Hausbesuch | ja oder nein | Nur bei ja kommt die Therapeutin zu Ihnen nach Hause. |
| Bericht an die Arztpraxis | ja oder nein | Nur bei ja schreibt die Praxis der Ärztin einen Bericht über die Behandlung. |
| Dringlicher Bedarf | Kreuz oder leer | Mit Kreuz beginnt die Frist für den ersten Termin bei 14 statt 28 Tagen. |
| Zahl der Termine | zum Beispiel 10 | Sie bestimmt, wie lange die Serie dauert. Bei einem Rezept ohne feste Terminzahl entfällt sie. |
| Behandlungsart | eine bis drei Arten, zum Beispiel motorisch-funktionelle Behandlung (Training von Beweglichkeit und Kraft) | Die Ärztin darf die Termine auf bis zu drei Arten verteilen. |
| Zusätzliche Angaben | zum Beispiel Doppeltermin | Ein Doppeltermin ist nur in begründeten Ausnahmefällen möglich und zählt doppelt: Aus 10 Terminen werden 5 Doppeltermine. |
| Frequenz | zum Beispiel 1 bis 2 Mal pro Woche | Daran muss sich die Praxis halten. Eine Änderung braucht vorher die Absprache mit der Arztpraxis. |
| Diagnosegruppe | Kürzel wie EN1, SB1 oder PS1 | Sie legt fest, wie viele Termine ein Rezept enthalten darf. |
| Diagnose | Krankheitscode (ICD-10), oft mit Klartext | Der Code entscheidet mit, ob ein weiteres Rezept für dasselbe Problem gilt. |
| Beschwerde, die behandelt wird | Buchstabe a, b oder c oder ein eigener Text | Sie beschreibt zum Beispiel eine eingeschränkte Beweglichkeit oder Schmerzen. |
Die ersten drei Stellen des Krankheitscodes entscheiden zusammen mit dem Kürzel der Diagnosegruppe über den Behandlungsfall. Das sind alle Rezepte für dasselbe Problem. Steht auf dem Folgerezept ein anderer Code, beginnt ein neuer Behandlungsfall. Das passiert auch, wenn sechs Monate lang kein Rezept für dasselbe Problem ausgestellt wurde.
Wie viele Termine ein Rezept für Ergotherapie umfasst
Ein Rezept für Ergotherapie umfasst höchstens 10 Termine, bei einigen psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen höchstens 20. Als Richtwert für die gesamte Behandlung gelten je nach Erkrankung 20, 30 oder 40 Termine. Bei Kindern und Jugendlichen mit einer Erkrankung oder Entwicklungsstörung des Gehirns sind es bis zum Alter von 18 Jahren 60. Empfohlen sind 1 bis 3 Termine pro Woche.
Zehn Termine dauern bei zwei Terminen pro Woche fünf Wochen. Ein Richtwert von 40 Terminen braucht also vier Rezepte und bei gleichem Rhythmus rund 20 Wochen. Ist das Ziel danach nicht erreicht, sind weitere Rezepte möglich, und die Ärztin begründet das in ihren Unterlagen. Eine starre Obergrenze je Krankheit gibt es nicht.
- Ein Folgerezept muss nicht immer in der Sprechstunde ausgestellt werden. Nach einer Videosprechstunde ist es möglich, ausnahmsweise auch nach einem Telefonat. Das erste Rezept für ein Problem setzt persönlichen Kontakt voraus.
- Ein Rezept aus dem Krankenhaus zählt bei der weiterbehandelnden Praxis nicht mit, weder für die Höchstzahl noch für den Richtwert.
Wann Sie ein Rezept ohne feste Terminzahl bekommen
Seit April 2024 gibt es in der Ergotherapie ein Rezept, bei dem die Praxis vieles selbst festlegt. Es gilt für drei Gruppen von Erkrankungen. Die erste umfasst Wirbelsäule, Gelenke und Gliedmaßen mit Bewegungseinschränkung. Die zweite umfasst wahnhafte und depressive Störungen sowie Abhängigkeitserkrankungen. Die dritte ist Demenz.
Die Ärztin stellt weiterhin die Diagnose und trägt die Beschwerde ein. Die Zahl der Termine, die Behandlungsart und die Frequenz darf sie offen lassen. Die Ergotherapiepraxis entscheidet dann selbst, womit sie behandelt, wie oft Sie kommen, wie lang ein Termin dauert und wie lange die Therapie insgesamt läuft. Nach den Angaben der AOK dauert ein Termin zwischen 30 und 180 Minuten.
Das Rezept gilt höchstens 16 Wochen ab dem Ausstellungsdatum, und der erste Termin muss weiterhin innerhalb von 28 Tagen stattfinden. Statt alle zehn Termine ein neues Rezept zu holen, besprechen Sie Umfang und Rhythmus mit der Praxis.
Wann ein Rezept für 12 Wochen möglich ist
Bei schweren, dauerhaften Erkrankungen darf die Ärztin ein Rezept für bis zu 12 Wochen ausstellen, statt für 10 oder 20 Termine. In Bescheiden der Kasse heißt das langfristiger Heilmittelbedarf. Wie viele Termine dann auf das Rezept kommen, richtet sich nach Ihrem Rhythmus und nicht nach einer festen Höchstzahl.
Steht Ihre Diagnose auf einer Liste der Richtlinie, gilt das ohne Antrag. Für Ergotherapie stehen dort zum Beispiel die infantile Zerebralparese, Trisomie 21, der frühkindliche Autismus, die Muskeldystrophie und die Folgen einer Hirnverletzung.
Steht Ihre Diagnose nicht auf der Liste, können Sie bei Ihrer Krankenkasse einen Antrag stellen. Die Erkrankung muss ähnlich schwer und dauerhaft sein wie die Diagnosen der Liste. Die Richtlinie geht von Dauerhaftigkeit aus, wenn Sie mindestens ein Jahr lang Therapie brauchen. Die Kasse entscheidet anhand Ihres Antrags und einer Kopie eines gültigen, vollständig ausgefüllten Rezepts, bei Bedarf mit dem Medizinischen Dienst. Sie muss innerhalb von vier Wochen entscheiden, sonst gilt die Genehmigung als erteilt. Lehnt die Kasse ab, können Sie Widerspruch einlegen.
- Lassen Sie sich ein vollständig ausgefülltes Rezept ausstellen und behalten Sie das Original.
- Bitten Sie die Arztpraxis um eine Begründung, aus der Schwere, Dauer und Therapiebedarf hervorgehen. Legen Sie Befunde und Arztbriefe bei.
- Stellen Sie den Antrag bei Ihrer Krankenkasse, mit einer Kopie des Rezepts, und notieren Sie das Eingangsdatum.
- Prüfen Sie den Bescheid. Er muss Ihre Diagnose und die dazugehörige Gruppe nennen. Eine Befristung muss mindestens ein Jahr betragen.
Steht Ihre Diagnose auf der Liste der Richtlinie für dauerhafte Erkrankungen?
Ihre Ärztin darf ohne Antrag Rezepte für bis zu 12 Wochen ausstellen.
Steht Ihre Diagnose auf der Liste der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, zum Beispiel ein Hirninfarkt nach dem akuten Ereignis?
Ihre Ärztin darf ebenfalls Rezepte für bis zu 12 Wochen ausstellen. Einen Antrag brauchen Sie nicht.
Brauchen Sie Ergotherapie voraussichtlich mindestens ein Jahr, und ist die Erkrankung so schwer wie die auf der Liste?
Stellen Sie bei Ihrer Krankenkasse einen Antrag mit einer Kopie des Rezepts. Sie muss innerhalb von vier Wochen entscheiden.
Ihre Ärztin stellt normale Rezepte aus. Reicht der Richtwert nicht, sind weitere Rezepte mit Begründung möglich, ohne Genehmigung der Kasse.
Gibt es ein Rezept für Lerntherapie?
Nein, für Lerntherapie gibt es kein Rezept von der Krankenkasse. Lese- und Rechtschreibschwäche und andere isolierte Lernstörungen stehen in der Richtlinie auf der Liste der Störungen, bei denen eine Behandlung auf Kassenkosten nicht anerkannt ist. Ärztinnen dürfen dafür keine Ergotherapie verordnen.
Anders ist es bei einer medizinischen Diagnose, die neben der Lernstörung besteht. Bei ADHS oder einer Entwicklungsstörung der Motorik ist Ergotherapie verordnungsfähig, und ihre Ziele überschneiden sich mit denen einer Lerntherapie, etwa Aufmerksamkeit, Handlungsplanung und Feinmotorik. Auf dem Rezept steht dann die medizinische Diagnose und nicht die Lernstörung.
Für die Lernstörung selbst ist das Jugendamt der richtige Ansprechpartner. Es kann Eingliederungshilfe gewähren, wenn die seelische Gesundheit des Kindes voraussichtlich länger als sechs Monate vom altersgemäßen Zustand abweicht. Außerdem muss das Kind dadurch am Leben in der Gemeinschaft beeinträchtigt sein.
Häufige Fragen
Kann der Hausarzt Ergotherapie verordnen?
Ja, der Hausarzt kann Ergotherapie verordnen. Die Richtlinie lässt jede Ärztin und jeden Arzt zu, die gesetzlich Versicherte behandeln, ohne Beschränkung auf ein Fachgebiet. Bei psychischen Erkrankungen wie ADHS, Depression oder Demenz muss vorher eine Fachpraxis untersucht haben, zum Beispiel in der Psychiatrie oder Neurologie.
Wie viele Termine Ergotherapie darf die Ärztin auf einem Rezept verordnen?
Auf einem Rezept für Ergotherapie stehen höchstens 10 Termine, bei einigen psychischen Erkrankungen höchstens 20. Als Richtwert für die ganze Behandlung gelten je nach Erkrankung 20, 30 oder 40 Termine. Bei dauerhaft schweren Erkrankungen gilt statt der Terminzahl ein Zeitraum von bis zu 12 Wochen.
Wie lange ist ein Rezept für Ergotherapie gültig?
Ein Rezept für Ergotherapie verliert seine Gültigkeit, wenn die Behandlung nicht innerhalb von 28 Tagen nach dem Ausstellungsdatum beginnt, bei dringlichem Bedarf innerhalb von 14 Tagen. Während der Serie darf keine Pause länger als 14 Tage dauern, außer die Praxis dokumentiert einen Grund. Ein Rezept ohne feste Terminzahl gilt höchstens 16 Wochen.
Kann ich ein Folgerezept für Ergotherapie ohne Arztbesuch bekommen?
Ein Folgerezept für Ergotherapie kann die Ärztin nach einer Videosprechstunde ausstellen, ausnahmsweise auch nach einem Telefonat. Voraussetzung ist, dass sie Ihren Gesundheitszustand kürzlich selbst erhoben hat. Das erste Rezept für ein Problem setzt persönlichen Kontakt voraus. Ein Recht auf ein Rezept per Video gibt es nicht.
Bekomme ich für Legasthenie ein Rezept für Ergotherapie?
Nein, für Legasthenie allein gibt es kein Rezept für Ergotherapie. Lese- und Rechtschreibschwäche gehört zu den Störungen, bei denen eine Behandlung auf Kassenkosten nicht anerkannt ist. Besteht daneben eine medizinische Diagnose wie ADHS oder eine motorische Entwicklungsstörung, kann Ergotherapie dafür verordnet werden.
