Was sagt die ADHS-Leitlinie zu Neurofeedback?
Die ADHS-Leitlinie gibt Neurofeedback die schwächste ihrer drei Empfehlungsstufen, eine offene Empfehlung. Eine Leitlinie ist eine Handlungsempfehlung der medizinischen Fachgesellschaften für Ärztinnen, Ärzte und Therapeuten. Die ADHS-Leitlinie stammt vom 2. Mai 2017 und ist bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, kurz AWMF, unter der Nummer 028-045 zu finden.
Der Kernsatz lautet sinngemäß: Neurofeedback nach einem Standard-Trainingsprogramm kann bei Kindern über sechs Jahren und bei Jugendlichen ergänzend eingesetzt werden. Voraussetzung ist, dass es eine andere, wirkungsvollere Behandlung nicht verzögert oder verhindert. Die Leitlinie bewertet die Qualität der Belege als mittel.
Drei Bedingungen stecken in dem Kernsatz, und jede schränkt ein. Neurofeedback ist ergänzend gedacht, also neben anderen Bausteinen der Behandlung. Es setzt ein Standardprogramm voraus. Und es darf keine wirkungsvollere Behandlung verdrängen. Für den breiten Einsatz in der Routine empfiehlt die Leitlinie Neurofeedback nicht. Es gibt zwar Hinweise auf eine Wirksamkeit, aber nicht genug gut kontrollierte Studien.
| Stufe | Bedeutung | Wortlaut in der Leitlinie | Beispiel aus der ADHS-Leitlinie |
|---|---|---|---|
| A | starke Empfehlung | soll oder soll nicht | Wenn Neurofeedback eingesetzt wird, soll es mit Standardprogrammen, Übungen für den Alltag und mindestens 25 bis 30 Sitzungen erfolgen. |
| B | Empfehlung | sollte oder sollte nicht | Eltern von Schulkindern mit leichter bis mittlerer Beeinträchtigung sollte ein Elterntraining mit Aufklärung über ADHS angeboten werden. |
| 0 | offene Empfehlung | kann erwogen werden oder kann verzichtet werden | Neurofeedback nach Standardprogramm kann bei Kindern über sechs Jahren und Jugendlichen ergänzend eingesetzt werden. |
Die Leitlinie ist nicht mehr aktuell. Laut AWMF-Register galt sie bis zum 1. Mai 2022 und wird überarbeitet (geprüft am 21. September 2026). Eine neue gültige Fassung gab es an diesem Tag nicht. Bis dahin bleibt die Fassung von 2017 der Stand der deutschen Leitlinie.
Was die Leitlinie für Neurofeedback bei ADHS verlangt
Wird Neurofeedback eingesetzt, macht die Leitlinie mit der stärksten Stufe, A, klare Vorgaben. Neurofeedback ist ein Training, bei dem Ihr Kind die eigene Hirnaktivität über Elektroden auf der Kopfhaut als Signal auf einem Bildschirm sieht und übt, sie zu verändern. Welche Hirnaktivität trainiert wird, legt das Trainingsprogramm fest. Die Leitlinie lässt nur drei gut untersuchte Programme zu.
- Ein Standardprogramm mit einem dieser Namen: Theta-Beta-Training, SMR-Training oder SCP-Training.
- Kein Programm, das aus einer quantitativen EEG-Messung, kurz QEEG, abgeleitet wird. Solche Programme verwenden zum Teil andere Frequenzbereiche und andere Elektrodenorte und sollen nicht eingesetzt werden.
- Übungen, mit denen Ihr Kind das Gelernte in den Alltag überträgt, dazu Grundsätze des Lernens.
- Mindestens 25 bis 30 Sitzungen. Kind, Eltern und Praxis prüfen regelmäßig gemeinsam, ob Hinweise auf eine beginnende Wirkung die Fortsetzung rechtfertigen.
Die Leitlinie beschreibt Neurofeedback als Behandlung auf verhaltenstherapeutischer Grundlage. Die Durchführenden sollten deshalb eine verhaltenstherapeutische Ausbildung haben und die Standardprogramme genau kennen. Supervision, also die regelmäßige Besprechung der Behandlungen mit einer erfahrenen Fachperson, und Intervision unter Kollegen hält sie für unerlässlich. Zugleich stellt sie fest, dass es keine festgelegte Ausbildung gibt, die zur Durchführung von Neurofeedback qualifiziert.
Wie gut ist Neurofeedback bei ADHS untersucht?
Die Leitlinie stützt ihre offene Empfehlung auf vier Metaanalysen. Eine Metaanalyse fasst viele Einzelstudien statistisch zusammen. Die Ergebnisse hängen vor allem davon ab, wer die Kinder nach dem Training beurteilt hat. Eltern und Therapeuten wissen meist, ob ein Kind echtes Neurofeedback bekam. Ihr Urteil kann deshalb auch Erwartung und Zuwendung widerspiegeln. Verblindet heißt eine Beurteilung, wenn die beurteilende Person nicht weiß, ob das Kind Neurofeedback oder eine Vergleichsbehandlung erhalten hat.
Die vier Auswertungen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die erste von 2009 fand in zehn Studien mit 467 Patienten mittlere bis hohe Unterschiede. Drei strengere Auswertungen von 2013, 2014 und 2016 sahen einen Vorteil vor allem dort, wo Eltern oder andere Personen urteilten, die das Training kannten. Bei wahrscheinlich verblindeter Beurteilung war der Unterschied kleiner oder statistisch nicht abgesichert.
Den Ausschlag für die offene statt einer ablehnenden Empfehlung gab eine Teilauswertung von 2016 zu Studien mit einem gut untersuchten Standardprogramm. In drei davon lag eine verblindete Bewertung vor. Sie zeigte einen kleinen bis mittleren Unterschied bei den ADHS-Symptomen insgesamt (Effektstärke 0,36). Deshalb steht die Bedingung Standardprogramm in beiden Empfehlungen.
Was neuere Studien zu Neurofeedback bei ADHS zeigen
Seit 2017 sind vier Arbeiten erschienen, und sie zeigen kein einheitliches Bild. Eine deutsche Studie fand einen Vorteil im Urteil der Eltern. Eine doppelblinde US-Studie, bei der weder Familien noch Beurteilende wussten, wer echtes Neurofeedback bekam, fand keinen besonderen Effekt des Trainings. Die bisher größte Auswertung von 2025 fand bei verblindeter Beurteilung keinen messbaren Unterschied.
Die vier Arbeiten sind unterschiedlich groß. Die deutsche Studie von 2017 hatte 150 Kinder, die US-Studie von 2021 hatte 144 Kinder. Die Auswertung von 2019 umfasst 10 Studien, die von 2025 umfasst 38 Studien mit 2.472 Teilnehmenden. Die Nachuntersuchungen liefen 2 bis 12 Monate, in der US-Studie 13 Monate.
| Studie | Aufbau | Hauptergebnis | Einschränkung |
|---|---|---|---|
| Deutsche Studie von 2017 (Strehl und Kollegen) | 150 Kinder von 7 bis 9 Jahren, 25 Sitzungen Neurofeedback der langsamen kortikalen Potentiale gegen Muskel-Feedback im gleichen Rahmen | Vorteil für Neurofeedback im Urteil der Eltern, Effektstärke 0,57 bis 0,40 je nach Auswertung | Lehrkräfte sahen keinen Unterschied zwischen den Gruppen |
| Auswertung von 2019 (Van Doren und Kollegen) | 10 Studien mit Nachuntersuchung nach 2 bis 12 Monaten | Gegenüber nicht aktiven Vergleichen hielten die Effekte mindestens sechs Monate. Bei der Unaufmerksamkeit lag am Trainingsende die aktive Behandlung, meist Methylphenidat, vor Neurofeedback. | Es wurden nur Elternurteile ausgewertet |
| US-Studie von 2021 (Neurofeedback Collaborative Group) | 144 Kinder von 7 bis 10 Jahren, doppelblind, Theta-Beta-Training gegen gleich aufwendige Scheinbehandlung, 38 Sitzungen | Beide Gruppen besserten sich deutlich. Neurofeedback hatte am Ende keinen Vorteil (Effektstärke 0,01) und nach 13 Monaten keinen gesicherten (0,23). | Eingeschlossen waren nur Kinder mit erhöhtem Theta-Beta-Verhältnis |
| Auswertung von 2025 (Westwood und Kollegen) | 38 Studien mit 2.472 Teilnehmenden von 5 bis 40 Jahren | Bei verblindeter Beurteilung keine Besserung der ADHS-Symptome (Effektstärke 0,04). Mit Standardprogrammen ein kleiner, statistisch gesicherter Effekt (0,21). | Welche Untergruppen profitieren könnten, lässt sich noch nicht bestimmen |
Die Auswertung von 2025 stammt von derselben europäischen Arbeitsgruppe wie die Arbeit von 2016, auf die sich die geltende Empfehlung stützt. Sie prüfte zusätzlich fünf Denkleistungen in Tests. Nur bei der Verarbeitungsgeschwindigkeit fand sie eine kleine Besserung. Ihr Fazit: Auf Gruppenebene nützte Neurofeedback weder klinisch noch bei den Denkleistungen in bedeutsamem Maß. Künftige Studien sollen Standardprogramme verwenden und nach Untergruppen suchen, die profitieren könnten.
Für wen die Empfehlung zu Neurofeedback gilt
Die offene Empfehlung gilt nur für Kinder über sechs Jahren und für Jugendliche mit ADHS. Für jüngere Kinder spricht die Leitlinie keine Empfehlung aus. Für Erwachsene hält sie fest, dass kontrollierte Studien und Metaanalysen fehlen. In die Auswertung von 2025 gingen auch Erwachsene bis 40 Jahre ein, und die Ergebnisse blieben ähnlich, wenn die Autoren sie herausrechneten.
Die Leitlinie bewertet Neurofeedback nur bei ADHS. Für Migräne, Epilepsie, Depression, Schlafstörungen oder Autismus trifft sie keine Aussage. Wer Neurofeedback für eine dieser Diagnosen angeboten bekommt, kann sich deshalb nicht auf die ADHS-Leitlinie berufen. Fragen Sie die behandelnde Fachpraxis nach der Studienlage für genau diese Diagnose.
Ist die Person älter als sechs Jahre?
Hat eine Fachpraxis ADHS festgestellt und einen Behandlungsplan aufgestellt?
Nutzt die Praxis eines der drei Standardprogramme und kein QEEG-Programm?
Sind mindestens 25 bis 30 Sitzungen mit Übungen für den Alltag und regelmäßiger gemeinsamer Prüfung geplant?
Das Angebot erfüllt die Bedingungen der Leitlinie. Ob es für Ihr Kind sinnvoll ist, entscheiden Sie mit der Fachpraxis, denn die Empfehlung bleibt offen.
Das Angebot unterschreitet die Vorgaben der Leitlinie. Fragen Sie nach Sitzungszahl, Übungen für den Alltag und dem Zeitpunkt der Zwischenprüfung.
Die Leitlinie sagt, solche Programme sollen nicht verwendet werden. Fragen Sie die Praxis nach dem Grund und nach der Studienlage ihres Programms.
Für diese Situation gibt die Leitlinie keine Empfehlung. Klären Sie zuerst Diagnose und Behandlungsplan in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, einer neuropädiatrischen oder psychotherapeutischen Praxis.
Für Kinder bis sechs Jahre gibt die Leitlinie keine Empfehlung, für Erwachsene fehlen kontrollierte Studien. Klären Sie zuerst Diagnose und Behandlungsplan in einer Fachpraxis.
Was Sie vor Neurofeedback die Fachpraxis fragen
Ob Neurofeedback für Ihr Kind in Frage kommt, entscheiden Sie mit der Fachpraxis, die die ADHS behandelt, nicht mit dem Anbieter des Trainings. Die Leitlinie knüpft die Empfehlung an einen Behandlungsplan, und den stellt die Fachpraxis auf. Für Schulkinder mit leichter bis mittlerer Beeinträchtigung empfiehlt dieselbe Leitlinie mit Stufe B zuerst ein Elterntraining mit Aufklärung über ADHS. Ergotherapie bei ADHS auf Rezept kann im Plan ein weiterer Baustein sein, sie ersetzt das Elterntraining nicht.
- Diagnose und schriftlichen Behandlungsplan von der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Neuropädiatrie oder Psychotherapie besprechen lassen.
- Fragen, welche Bausteine der Plan zuerst vorsieht und ob ein Neurofeedback-Training einen davon verzögern würde.
- Beim Anbieter das Programm erfragen und mit den drei Standardprogrammen der Leitlinie abgleichen.
- Die geplante Sitzungszahl, die Übungen für den Alltag und einen Termin für die gemeinsame Zwischenprüfung schriftlich festhalten.
- Vorab festlegen, woran Sie, Ihr Kind und die Praxis bei der Zwischenprüfung eine beginnende Wirkung erkennen wollen, zum Beispiel an Rückmeldungen aus der Schule.
- Kosten und Erstattung klären, bevor die erste Sitzung stattfindet.
Die gesetzliche Krankenkasse zahlt Neurofeedback als eigenes Training nicht, und was Neurofeedback kostet, legt jede Praxis selbst fest.
Häufige Fragen
Empfiehlt die ADHS-Leitlinie Neurofeedback?
Die ADHS-Leitlinie von 2017 gibt Neurofeedback nur eine offene Empfehlung. Neurofeedback nach einem Standardprogramm kann bei Kindern über sechs Jahren und Jugendlichen ergänzend eingesetzt werden, wenn keine wirkungsvollere Behandlung dadurch verzögert wird. Für den breiten Einsatz in der Routine empfiehlt die Leitlinie Neurofeedback nicht, weil gut kontrollierte Studien fehlen.
Ist die Wirkung von Neurofeedback bei ADHS wissenschaftlich belegt?
Nach der ADHS-Leitlinie ist die Wirkung von Neurofeedback nicht ausreichend belegt. Es gibt Hinweise auf eine Wirksamkeit von Standard-Neurofeedback, aber nicht genug gut kontrollierte Studien. Die Auswertung der Europäischen ADHS-Leitliniengruppe von 2025 fand bei verblindeter Beurteilung keine Besserung der ADHS-Symptome und mit Standardprogrammen nur einen kleinen Effekt.
Ab welchem Alter kommt Neurofeedback bei ADHS in Frage?
Nach der ADHS-Leitlinie kommt Neurofeedback bei Kindern über sechs Jahren und bei Jugendlichen in Frage, als ergänzender Baustein eines Behandlungsplans. Für jüngere Kinder gibt die Leitlinie keine Empfehlung. Für Erwachsene hält sie fest, dass kontrollierte Studien und Auswertungen fehlen.
Kann Neurofeedback bei ADHS Medikamente ersetzen?
Die ADHS-Leitlinie sieht Neurofeedback nur als ergänzenden Baustein vor, nicht als Ersatz für andere Behandlungen. Es darf eine wirkungsvollere Behandlung nicht verzögern oder verhindern. Eine Auswertung von 2019 fand am Trainingsende bei der Unaufmerksamkeit einen Vorteil der aktiven Behandlung, meist Methylphenidat, gegenüber Neurofeedback. Ob und welche Medikamente ein Kind bekommt, entscheidet die behandelnde Fachpraxis mit der Familie.
Welche Neurofeedback-Programme nennt die ADHS-Leitlinie als Standard?
Die ADHS-Leitlinie nennt drei Standardprogramme für Neurofeedback. Trainiert wird das Theta-Beta-Verhältnis über der Stirn und dem Scheitel, der Sensomotorische Rhythmus über dem Bewegungszentrum des Gehirns oder die langsamen kortikalen Potentiale über der Scheitelregion. Sogenannte QEEG-Programme mit anderen Frequenzbereichen und Elektrodenorten sollen nach der Leitlinie nicht verwendet werden.
Gilt die ADHS-Leitlinie von 2017 noch?
Die ADHS-Leitlinie vom 2. Mai 2017 ist laut AWMF-Register seit dem 1. Mai 2022 abgelaufen und wird überarbeitet. Eine neue gültige Fassung gab es am 21. September 2026 nicht. Bis dahin bleibt die Fassung von 2017 der Stand der deutschen Leitlinie, auch zu Neurofeedback.
