Bekommen Sie Ergotherapie bei Multipler Sklerose auf Rezept?
Ja, die Krankenkasse bezahlt Ergotherapie bei Multipler Sklerose, wenn eine Ärztin oder ein Arzt sie verordnet. Auf dem Rezept steht ein Kürzel für die Art der Erkrankung, die Diagnosegruppe. Bei MS lautet es EN1 oder EN2. EN1 steht für Erkrankungen des Gehirns, EN2 für Erkrankungen des Rückenmarks und der Nerven-Muskel-Verbindung. Welches Kürzel die Ärztin einträgt, hängt davon ab, ob die Beschwerden eher vom Gehirn oder eher vom Rückenmark ausgehen. Bei Sehstörungen oder Konzentrationsproblemen liegt EN1 nahe, bei Muskelschwäche oder Lähmung der Beine EN2.
In beiden Kürzeln passen höchstens 10 Behandlungen auf ein Rezept. Als Richtwert für alle Behandlungen zusammen gelten 40, empfohlen sind ein bis drei Termine pro Woche. Bei EN1 gehört auch Gedächtnis- und Konzentrationstraining zu den möglichen Behandlungen, bei EN2 nicht. Beweglichkeit und Kraft, Wahrnehmung und Bewegung sowie Antrieb und Stimmung sind in beiden möglich. Auf dem Rezept stehen dafür Fachnamen, fragen Sie die Praxis, was gemeint ist.
In Deutschland leben nach dem MS-Register der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft über 300.000 Menschen mit MS. Bei den AOK-Versicherten standen 2024 rund 19.000 Ergotherapie-Rezepte auf MS, das sind 1,7 Prozent aller Rezepte.
Warum gilt bei Multipler Sklerose die 12-Wochen-Regel?
Multiple Sklerose steht mit dem Code G35 auf einer Liste der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, des Verbands der Kassenärzte. Die Liste gilt für jede Verlaufsform: für das erste Auftreten, für den schubförmigen, den primär chronischen und den sekundär chronischen Verlauf. Deshalb darf die Ärztin Rezepte ausstellen, die 12 Wochen abdecken, statt nur 10 Behandlungen. Einen Antrag bei der Krankenkasse brauchen weder Sie noch die Praxis. Bei drei Terminen pro Woche passen so bis zu 36 Behandlungen auf ein Rezept.
Hinter der Regel steckt der Schutz Ihrer Ärztin. Kassen und Kassenärzte prüfen, ob Ärztinnen zu viele Behandlungen verordnen. Für MS werden die Rezepte dabei gesondert berücksichtigt.
Eine automatische Dauerbehandlung gibt es bei MS nicht. MS steht nicht auf der Liste der Diagnosen, für die das automatisch gilt, anders als zum Beispiel die Zerebralparese oder das Down-Syndrom. Auf dem Rezept zählt allein der Code G35, nicht der Verlauf der Krankheit. Ob EN1 oder EN2 auf dem Rezept steht, hängt an den Beschwerden und nicht an der Verlaufsform.
Was passiert bei einem Schub mit dem Rezept?
Ein Schub ist eine Phase, in der sich die Beschwerden plötzlich verschlechtern. Muss die Behandlung deshalb pausieren, kommt es auf die Länge der Pause an. Pausen bis zu 14 Kalendertagen ändern nichts am Rezept. Dauert die Pause länger, muss die Praxis den Grund auf dem Rezept festhalten. Sonst verliert das Rezept für die restlichen Behandlungen seine Gültigkeit.
- K steht für Krankheit, auch für Krankenhaus, Reha und stationäre Kur, zum Beispiel nach einem Schub.
- T steht für eine Pause, die aus therapeutischen Gründen sinnvoll ist.
- F steht für Ferien oder Urlaub, sowohl bei Ihnen als auch in der Praxis.
- Ob die Pause das Therapieziel gefährdet, beurteilt allein die Praxis. Sie darf die Behandlung deshalb auch abbrechen.
Zusammen dürfen solche Pausen bis zu 70 Kalendertage dauern. Dabei zählen nur Pausen, die länger als 14 Tage sind. Werden die Regeln eingehalten, bleibt ein Rezept für 12 Wochen auch nach Ablauf der 12 Wochen gültig, bis alle Behandlungen erbracht sind. Sagen Sie der Praxis deshalb früh Bescheid, wenn ein Schub kommt.
Ein Schub eröffnet keinen neuen Behandlungsfall. Ein Behandlungsfall umfasst alle Rezepte für dasselbe Problem, also für dieselbe Diagnose und dasselbe Kürzel. Er endet erst, wenn sechs Monate lang kein Rezept dafür ausgestellt wurde. Der Richtwert von 40 Behandlungen läuft also über mehrere Schübe hinweg weiter und beginnt nicht mit jedem Schub neu.
Braucht Multiple Sklerose einen Antrag auf Dauerbehandlung?
Nein, bei MS gilt die 12-Wochen-Regel schon ohne Antrag. Sie können trotzdem bei der Krankenkasse beantragen, dass Ihre Ergotherapie als Dauerbehandlung anerkannt wird. In ihrem Bescheid spricht die Kasse von langfristigem Heilmittelbedarf. Das kommt in Frage, wenn die MS so schwer und so dauerhaft ist wie bei den Diagnosen, für die Dauerbehandlung automatisch gilt. Ein Beispiel ist ein sekundär chronischer Verlauf mit bleibender Lähmung. Für die Länge der Rezepte ändert der Antrag nichts, weil sie schon jetzt 12 Wochen abdecken dürfen.
So läuft der Antrag: Ihre Ärztin stellt ein vollständig ausgefülltes Rezept aus. Sie begründet Schwere und Dauer der Schädigung, etwa mit dem Wert der Behinderungsskala EDSS, der Gehstrecke oder der Zahl der Schübe. Sie stellen den Antrag bei der Krankenkasse und legen eine Kopie des Rezepts bei. Die Kasse muss innerhalb von vier Wochen entscheiden, sonst gilt der Antrag als genehmigt. Eine Befristung darf ein Jahr nicht unterschreiten. Lehnt die Kasse ab, bleibt es bei den Rezepten für 12 Wochen. Gegen die Ablehnung können Sie Widerspruch einlegen.
Kann Ergotherapie bei MS per Video stattfinden?
Fatigue, eine für MS typische starke Erschöpfung, kann den Weg zur Praxis an manchen Tagen erschweren. Dann ist eine Behandlung per Video möglich, wenn Ihre Ärztin sie nicht ausgeschlossen hat und die Verträge der Krankenkassen sie für die Behandlung vorsehen. Den ersten Termin und regelmäßige Kontrolltermine erleben Sie persönlich in der Praxis. Die Video-Termine ergänzen die Praxistermine, sie ersetzen sie nicht vollständig. Wann die Krankenkasse die Behandlung bezahlt, steht bei Ergotherapie per Video.
Was kostet Ergotherapie bei Multipler Sklerose?
Erwachsene zahlen zu jedem Rezept 10 Euro und zusätzlich 10 Prozent der Behandlungskosten. Ab dem 1. Januar 2027 steigen die 10 Euro auf 15 Euro. Ein Einzeltermin kostet seit dem 1. Juli 2026 59,27 Euro bei 45 Minuten (Beweglichkeit und Kraft) und 79,03 Euro bei 60 Minuten (Wahrnehmung und Bewegung). Davon zahlen Sie 10 Prozent.
Wer wegen MS dauerhaft in Behandlung ist, kann als chronisch krank gelten. Dann sind alle Zuzahlungen eines Jahres auf 1 Prozent der Bruttoeinnahmen begrenzt, sonst auf 2 Prozent. Ob Sie als chronisch krank gelten, klärt Ihre Krankenkasse.
Häufige Fragen
Welches Kürzel steht bei Ergotherapie wegen Multipler Sklerose auf dem Rezept?
Bei Ergotherapie wegen Multipler Sklerose steht auf dem Rezept das Kürzel EN1, wenn die Beschwerden vom Gehirn ausgehen, oder EN2, wenn das Rückenmark im Vordergrund steht. Auf ein Rezept passen in beiden Fällen höchstens 10 Behandlungen, als Richtwert gelten 40.
Gibt es bei Multipler Sklerose Rezepte für 12 Wochen?
Ja, bei Multipler Sklerose darf die Ärztin Ergotherapie-Rezepte ausstellen, die 12 Wochen abdecken, statt nur 10 Behandlungen. Die Regel gilt für jede Verlaufsform, einen Antrag bei der Krankenkasse brauchen Sie nicht. Automatische Dauerbehandlung gibt es bei MS nicht, ein Antrag darauf ist aber möglich.
Was passiert mit dem Ergotherapie-Rezept, wenn ein MS-Schub die Behandlung unterbricht?
Eine Pause bis zu 14 Kalendertagen ändert nichts am Rezept. Dauert sie länger, etwa wegen eines Krankenhausaufenthalts nach einem Schub, trägt die Praxis den Grund auf dem Rezept ein, zum Beispiel K für Krankheit. Zusammen dürfen solche Pausen bis zu 70 Kalendertage dauern.
Beginnt nach einem Schub ein neuer Behandlungsfall bei Multipler Sklerose?
Nein, ein Schub allein eröffnet keinen neuen Behandlungsfall. Solange Diagnose und Kürzel gleich bleiben, gehören alle Rezepte zum selben Fall. Ein neuer Fall beginnt erst, wenn sechs Monate lang kein Rezept für dasselbe Problem ausgestellt wurde.
Welches Kürzel gilt, wenn die Multiple Sklerose vor allem die Beine betrifft?
Steht bei der Multiplen Sklerose das Rückenmark im Vordergrund, etwa mit Muskelschwäche oder Lähmung der Beine, verordnet die Ärztin EN2. Gedächtnis- und Konzentrationstraining ist bei EN2 nicht möglich, die drei anderen Behandlungen der Ergotherapie schon.
Was kostet Ergotherapie bei Multipler Sklerose?
Erwachsene zahlen bei Ergotherapie wegen Multipler Sklerose 10 Prozent der Behandlungskosten plus 10 Euro je Rezept, ab dem 1. Januar 2027 15 Euro. Wer dauerhaft in Behandlung ist, kann als chronisch krank gelten. Dann sind alle Zuzahlungen eines Jahres auf 1 statt 2 Prozent der Bruttoeinnahmen begrenzt.
